All About Allen
Interview mit Robert B. Weide zu Woody Allen: A Documentary

By Kurt Zechner

Als Regisseur der Kult-TV-Serie Curb Your Enthusiasm und einiger Kinodokus hat sich Filmemacher Robert B. Weide als Kenner der Komödie etabliert. In Cannes präsentierte er sein umwerfendes Woody Allen-Porträt, SKIP hat ihn zum Interview getroffen.

Bob Weide

SKIP: Woody Allen ist beinahe legendär öffentlichkeitsscheu. Wie konnten Sie den Mann, der nichtmal seine Oscars abholt, davon überzeugen, ausgerechnet bei einem Film über sich selbst mitzumachen?

Robert B. Weide: Wir kannten uns von einer meiner früheren Arbeiten zu den Marx-Brothers, und weil wir in vieler Hinsicht einen sehr ähnlichen Geschmack haben, gabs ein gewisses Grundvertrauen. Jetzt wundern sich selbst Leute, die Woody seit Jahren persönlich kennen, wie relaxt er in meinem Film ist und wie viel er mir erlaubt hat. Ich durfte ihn in seinem Schlafzimmer beim Schreiben filmen, er hat mir sein Ideennotizbuch gezeigt und mich auf sein Filmset gelassen, was er ja noch überhaupt nie zugelassen hat.

SKIP: Haben Sie selbst durch diesen Film etwas ganz Neues über ihn erfahren?

Robert B. Weide: Vordringlich hat er mir viel bestätigt, was ich schon wusste. Was für mich recht neu war, war, wie gelassen er am Set ist, da ist nichts Neurotisches oder Nervöses, eher was Zen-artiges (lacht). Wenn er zwei Takes im Kasten hat und eigentlich noch einen dritten bräuchte, es aber 18.00 Uhr ist, sagt er z. B.: "Ich muss heute Abend zum Basketball, wir machen das morgen fertig." Und was ich mir in der Konsequenz auch nicht so vergegenwärtigt habe, war die Sache mit seiner berühmten Schreibmaschine: Die hat er gekauft, als er 16 Jahre alt war, eine Olympia Portable, für 40 Dollar. Und seit 60 Jahren arbeitet er nur auf dem Ding - jede einzelne Zeile, die er je geschrieben hat, von Witzen für seine Zeitungskolumne als Teenager bis zum neuen Film, To Rome with Love, ist darauf entstanden! Das ist so crazy! Aber das ist eben so eine Sache bei Woody: Er mag keine unnötigen Veränderungen, versteht auch den Sinn von Gadgets nicht. Er hat aber ein iPhone. Er nützt es aber ausschließlich als Telefon, spielt maximal noch ein bisschen Musik damit ab - und er liebt es, ständig weltweit das Wetter zu checken!

SKIP: Nachdem Sie so viel aus Woody rauskitzeln konnten - gab es auch Sachen, wo Sie komplett abgeblitzt sind?

Robert B. Weide: Nein, nicht wirklich. Ich bin ja gar nicht interessiert an dem ganzen Gossip-Zeugs, der ganzen Kiste mit Mia Farrow und die Sache mit Soon Yi … Ich meine, das ist jetzt über 20 Jahre her, aber trotzdem gibt es genug Leute, die finden, dass man in einer Woody-Doku nur darüber reden muss. Ich hab ihn ja auch dazu befragt, und er gab mir Antworten. Was das US-Publikum teilweise bemängelt hat, war, dass er sich in meinem Film nicht sonderlich emotionell öffnet. Aber das sind halt wohl Leute, die von der Oprah Winfrey Show sozialisiert sind, wo sich jeder zweite Gast unter Tränen für sein Drogenproblem entschuldigt oder dafür, mit seiner Schwester geschlafen zu haben. Ich meine: Who cares? Mir hat es genügt, mit ihm über seine Arbeit zu reden und über sein Leben, soweit es auf seine Arbeit Einfluss hat. Am interessantesten am dunklen Teil von Woodys Geschichte war ja für mich, wie es ihm gelungen ist, selbst während der miesesten Perioden stets weiterzuarbeiten. In der schlimmsten Zeit seines eigenen Gerichtsdramas hat er Bullets over Broadway geschrieben, für mich einer seiner besten Filme. Woody kann echt nichts vom Schreiben abbringen - selbst wenn das Haus brennt, würde er wohl unbeirrt weiterschreiben.

SKIP: Was hält er nun von Ihrem fertigen Film?

Robert B. Weide: Er war sehr angetan, was keine Kleinigkeit bei ihm ist. Er ist ein strenger Kritiker und mag es ja generell gar nicht, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Und er hat mir ein sehr schönes Kompliment gemacht: "Du hast geschafft, was bisher noch keiner - inklusive zahlreicher Psychoanalytiker - in meinen 76 Jahren hingekriegt hat: Ich wirke erstmals wie ein richtiger Mensch!"

woody collage