„Woody Allen: A Documentary“ Im Schlafzimmer von Woody Allen

By Patrick Heidmann

Woody Allen. Foto: dapd

Um sechs macht Woody Feierabend, außerdem hasst er Tiere: Dies und mehr fand der Regisseur Robert B. Weide heraus für „Woody Allen: A Documentary“.

Mr. Weide, Woody Allen gibt nicht gern Interviews . Wie haben Sie ihn dazu gebracht, eine ganze Dokumentation über sich zu gestatten, die noch dazu mit einigen recht intimen Einblicken aufwartet?

Ich kannte Woody ein bisschen, denn er hatte mir für eine Dokumentation über die Marx Brothers Rede und Antwort gestanden. Und mit seinen langjährigen Produzenten hatte ich vor Jahren auch mal zusammengearbeitet. So war es nicht schwer, den Kontakt herzustellen. Aber den entscheidenden Ausschlag für seine Zusage gab sicher die Tatsache, dass er meine vorherigen Filme kannte. Alle meine Dokumentation sind über Menschen, deren Arbeit ich verehre – von den Marx Brothers über W.C. Fields bis Mort Sahl. Und all diese Komiker liebt Woody auch. Dadurch hatte er ein gewisses Grundvertrauen in mich als Filmemacher. Außerdem gab es eine lange Zeit der Korrespondenz zwischen uns, noch bevor die eigentliche Arbeit an der Dokumentation begann. Da entstand per E-Mail eine Art Männerfreundschaft.

Der Regisseur Robert B. Weide hat den Spielfilm „New York für Anfänger“ inszeniert und zahlreiche Folgen von Sitcoms wie „Curb Your Enthusiasm“. Doch Kenner schätzen ihn vor allem als Dokumentaristen großer Humoristen. Nach den Marx Brothers, W.C. Fields, Mort Sahl und Lenny Bruce hat sich der Amerikaner nun eines weiteren Idols angenommen. „Woody Allen: A Documentary“ lief in den USA als TV-Zweiteiler, nun kommt eine gekürzte Version in unsere Kinos.

Dennoch ist es erstaunlich, wie sehr er sich Ihnen geöffnet hat.

Ich war manchmal selbst erstaunt, wie viel er preisgegeben hat. Er hat mich in sein Schlafzimmer gelassen, mir seine Ideen-Schublade gezeigt und auch die Orte seine Kindheit in Brooklyn. Ich durfte ihn sogar bei Dreharbeiten begleiten, was er sonst nie gestattet.

Hat er Bedingungen gestellt?

Er behielt sich das Recht vor, erst nach Fertigstellung zu entscheiden, ob er den Film auch fürs Kino freigibt. Das machte die Finanzierung des Projekts etwas schwierig, denn obwohl das Ganze als Fernsehfilm für die USA angelegt war, konnte der Sender nur einen Teil des Budgets übernehmen. Aber andere Investoren wollten eine internationale Kino-Auswertung, sonst hätten sie kein Geld gemacht. Woody hatte Angst, die Sache könne zu sehr in Richtung Lobhudelei gehen. Das wäre ihm peinlich gewesen. Also wollte er zur Not den Schaden auf ein überschaubares TV-Publikum begrenzen.

Es gab doch sicherlich Themen, über die er nicht sprechen wollte, oder?

Eigentlich nicht, wobei man sagen muss, dass mich auch nicht jedes Thema interessiert hat. Vor allem in den USA spricht mich jeder auf Woodys Trennung von Mia Farrow und seine Beziehung zu seiner früheren Adoptivtochter und heutigen Frau Soon-Yi Previn an. Aber ich habe nichts übrig für Klatsch, zumal die Sache jetzt 20 Jahre her ist. Natürlich habe ich das Thema nicht komplett ausgespart, schließlich wollte ich nichts unter den Teppich kehren. Doch Woody hat nie darauf gepocht, die Fragen vorab zu sehen, oder eine Antwort verweigert.

Wirklich ans Eingemachte geht es dabei allerdings nicht.

Mag sein, aber ich empfand ihn als sehr offen und ehrlich. Wir sind ja nicht in der Nachmittags-Talkshow von Oprah Winfrey, wo jeder seine Emotionen vor der Öffentlichkeit ausbreitet. So etwas widert mich an. Ich bin auch nicht Woodys Therapeut. Mir genügte es, über seine Arbeit zu sprechen. Und über sein Leben eben bis zu dem Grad, wo es Einfluss auf seine Arbeit hatte.

Mia Farrow ist jedenfalls die einzige langjährige Wegbegleiterin von Woody Allen, die im Film nicht zu Wort kommt. Es wäre wohl auch müßig gewesen, sie zu kontaktieren?

Ich hätte mein Leben darauf verwettet, dass ich eine Absage von ihr bekomme. Aber ich habe mich trotzdem bei ihr gemeldet, zumindest wollte ich die Entscheidung ihr überlassen. Keine Ahnung, wie ich damit umgegangen wäre, wenn sie doch zugesagt hätte, denn dass man mit ihr über die Filme spricht, ohne dass das Private ins Spiel kommt, ist fast unmöglich. Letztlich hat sie nicht auf meine Anfrage reagiert, was vielleicht auch ganz gut so ist. Womöglich hätte diese Thematik dann den gesamten Film dominiert.

Haben Sie im Laufe der Arbeit viel Neues über Allen erfahren?

Es war eher so, dass sich vieles bestätigt hat. Ich bin schon seit der High School ein Fan von Woody und habe mein Leben lang wie besessen alles von ihm und über ihn gelesen. Deswegen musste ich für den Film nun nicht allzu viel recherchieren und konnte entsprechend auch keine allzu überraschenden Entdeckungen mehr machen. Was ich vorher nicht wusste, war die Tatsache, wie ruhig er bei der Arbeit am Set ist: kein bisschen nervös oder neurotisch. Ansonsten war es spannend zu sehen, dass so vieles stimmt, was man über ihn hört. Er macht tatsächlich um 18 Uhr Feierabend, auch wenn er von der Szene erst zwei Takes im Kasten hat – nur damit er es rechtzeitig zum Spiel seiner geliebten Basketball-Mannschaft im Madison Square Garden schafft.

Wie hat Allen selbst denn am Ende eigentlich Ihr Film gefallen?

Er mochte ihn sehr, was mich ehrt, denn er fällt sehr scharfe Urteile. Er sieht sich selbst nicht gern auf der Leinwand; vor allem an seine ganz frühen Auftritte als Stand-up-Komiker wird er nicht gern erinnert. Tatsächlich bat er mich dann auch, den einen oder anderen Gag aus seiner Bühnenzeit auszutauschen gegen welche, die er lieber mochte. Aber viel mehr hatte er glücklicherweise nicht auszusetzen. Nachdem die Dokumentation im Fernsehen gelaufen war, erzählte er mir, dass er viele Anrufe und E-Mails von alten Bekannten bekam und auch auf der Straße immer wieder angesprochen wurde von Leuten, denen der Film gefallen hatte. Das schien ihn sehr zu freuen. Sein Kompliment für mich war typisch Woody: „Ich bin nun 76 Jahre alt, und du bist der Erste, der mich wirklich als Mensch gesehen hat. Das ist nicht mal meinen Seelenklempnern gelungen!“

Wo Sie die ganz frühen Aufnahmen erwähnen, von den Bühnen-Shows bis hin zu seinen TV-Auftritten: Unter welchen Umständen kam die großartige Szene zustande, in der Allen mit einem lebendigen Känguru boxt?

Das war in einer britischen Fernsehshow, ungefähr 1966. Woody ist wahrlich kein Tierfreund: Er wechselt sogar die Straßenseite, wenn ihm jemand mit Hund entgegenkommt. Doch er ließ sich tatsächlich von einem Känguru in den Schwitzkasten nehmen. Sein Manager sagte, er müsse jede Gelegenheit nutzen, um ins Fernsehen zu kommen und bekannt zu werden. Und anders als heute, wo die Stars die Bedingungen stellen, machte man damals noch alles, was der Manager zu einem sagte.

Interview: Patrick Heidmann

Woody Allen: A Documentary USA 2011. Regie: Robert B. Weide, Kamera: Buddy Squires u.a.; 117 Minuten. FSK o.A.

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